Kunstbulletin 4/2018 (Auszug) Isabel Zürcher Im Eigensinn der Materie Wenn Maria Magdalena Z’Graggen über Farbe spricht, geht’s nicht zuerst um Nuancen und nicht um Töne: Sie geht mit eigentlichen Charakteren um. Mattes und Glänzendes, das Hitzige, Anschmiegsame wie das Widerspenstige ihrer jeweiligen Natur bietet sie zum Zusammenspiel auf – genau das ist die Kunst ihrer Malerei. Auf dass auch nach Abschluss einer kaum korrigierbaren, umso konzentrierteren Bewegung die Vitalität einer Leinwand oder Holztafel nicht in ängstliche Starre übergeht. Wie unbekannte Gestirne schweben Kreisformationen auf monochromem Grund. Manche scheinen nach einer ungestümen Zentrifugalbewegung zum Stillstand gekommen. Dabei spannt sich ein Überschuss an Farbe zur homogenen Folie spannt oder bleibt wie ein gestrandeter Fisch schillernd liegen. Die neckische Kulinarik, die das Drehmoment um die Mitte organisiert wie um eine glasierte Kirsche, erinnert an ein früheres Kapitel in Z’Graggens malerischem Werdegang: In ihren «Friandises» (1998/99), kleinen Objekten in Öl auf Holz, hatte sie Malerei wie Amuses-Bouches als Augenschmaus offeriert. In unterschiedlichem Aggregatzustand variiert auf anderen Werken der senkrechte Fall schmaler Farbbänder: Kontraste, Rhythmen, Verschmelzung oder Abstossung. So sehr auch diese Malerei in ihrer vertikalen Organisation die Erinnerung an die Grossen, Abstrakten der amerikanischen Nachkriegszeit in sich birgt – abstrakt ist sie nicht. Und so sehr sie Assoziationen an Himmelskörper, Zielscheiben, vielleicht Arenen aufruft – das im engeren Sinn Figurative bleibt ihr fern. Malerei ist das unmittelbare, nahsichtige, immer wieder einmalige Auftreffen von Farbe auf Holz, Leinwand, auch auf Papier. Und es ist eine Technik, mit der Maria Magdalena Z’Graggen Phänomene der Welt auf ein sinnliches Konzentrat verdichtet. Im langjährigen Hin und Her zwischen Öl und Aquarell, zwischen Modellieren, Zusammenfassen und Verflüssigen insistiert ihr Schaffen auf einem schöpferischen Urzustand: Das Werden triumphiert über das Sein, und das Überraschende von Harmonie oder Dissonanz lehnt sich fröhlich gegen jede rigide Begrifflichkeit auf.
